Nachruf Dr. Rita Scheller (Ehrenvorsitzende)

Erinnerungen an meine Mutter Rita Scheller 01.11.1935 – 16.07.2020

Von meinen Eltern hat nur noch mein Vater die Auswirkungen von Corona auf unser tägliches Leben mitbekommen. Der allerdings forderte schon im März einen Mund-Nasen-Schutz ein, so dass wir gut vorbereitet waren, als die allgemeine Maskenpflicht erlassen wurde.

Bei der Geburt meiner Mutter am 01. November 1935 konnte noch niemand ahnen, in welch geschichtsträchtigen Zeiten sie aufwachsen würde. Bei der Reichsprogrommnacht am 9. November 1938 war sie erst 3 Jahre alt. Die brennende Synagoge hat sie also nicht mit Bewusstsein mitbekommen, das Verschwinden der jüdischen Mitbürger aus der Stadt dagegen schon. Auch konnte sie noch Jahrzehnte später den völlig zerstörten, überwucherten jüdischen Friedhof in ihrer Heimatstadt lokalisieren. (Sein trauriges Schicksal war eine Folge der Kriegsereignisse 1945, da wurde nicht zwischen Opfern der Nazis und Nazis unterschieden, deutsch war deutsch).

Eine ihrer ersten Erinnerungen war, dass sie im September 1939 die Einberufungsbefehle mit ihrem Vater verteilte. Wenig später wurde dann auch der Vater mit 40 Jahren erstmals Soldat. Für den I. Weltkrieg war er grade noch zu jung gewesen. Damit änderte sich die traditionell geprägte Familienstruktur ihrer Familie. Plötzlich musste die Mutter Lilo alle Entscheidungen für die weiter wachsende Familie treffen. Das hat meine Mutter geprägt, später im Leben gab sie sich nicht mit einen Platz in der zweiten Reihe zufrieden, nur weil sie eine Frau war.

Vorerst blieb das Leben in Hinterpommern friedlich, die Kinder verbrachten lange Ferien bei den Großeltern auf dem Land, wo sich auch die Lebensmittelknappheit der Kriegsjahre nicht bemerkbar machte. Die Vorratshaltung meiner Großmutter Lilo, die Jahr ein Jahr aus mehr Marmelade einkochte, als die Familie essen konnte, führe ich auf diese Zeit zurück.

Als neugieriges Kind, dass bei den Großeltern oft in der Küche unter dem Tisch saß und den Gesprächen der Erwachsenen lauschte, bekam die kleine Rita mehr mit von der Weltlage als ihre Mutter. So wusste sie schon im jungen Jahren, dass ein Bruder des Großvaters im KZ gestorben und an der Kirchenmauer begraben war. Als die Kirche 60 Jahre später renoviert wurde, fanden sich keine Überreste mehr.

Als die Front im Winter 1945 immer näher an Pommern heranrückte, beschloss meine Großmutter lieber im eigenen Bett sterben zu wollen, als auf der Flucht von den Tieffliegern erschossen zu werden. Damit war die glückliche Kindheit zu Ende und die Kriegskindheit begann. Dabei war meine Mutter von den 4 Geschwistern die Einzigste, die sich mit den Auswirkungen auf das spätere Leben befasste. Nachdem ich mehrere Bücher zu der Thematik gelesen habe, bin ich sicher, dass keines der 4 Geschwister diese Zeit unberührt überstanden hat.

An die mit dem Russeneinmarsch einsetzenden Plünderungen werden sich wohl alle erinnern, die diese Zeit im Osten erlebt haben. Eine Vergewaltigung blieb meiner Mutter erspart, weil sie noch zu klein und dünn war. Die anderen Frauen im Haus hatten nicht so viel Glück. Jahre später – schon nach der Wende – hat die polnische Staatsanwaltsschaft den Versuch gemacht wegen der damaligen Verbrechen zu ermitteln. Ein Nachbarehepaar und eine Flüchtlingsfrau wurden von den Russen erschossen. Was macht das mit Kindern im Grundschulalter und jünger? Dazu mussten sie mitansehen, wie die Stadt 3 Tage nach dem Russeneinmarsch abbrannte. Die elterliche Wohnung blieb von den Flammen verschont.

Wenige Wochen später wurden alle Stadtbewohner aufs Land zur Zwangsarbeit gebracht. Da musste dann auch meine Großmutter täglich lange Stunden auf dem Feld arbeiten. Die harte körperliche Arbeit fiel ihr schwer, aber die hungrigen Mäuler der Kinder mussten gestopft werden. Die 4 Kinder, immer noch alle unter 10 Jahren blieben sich selber überlassen. In den Massenquartieren breiteten sich rasch Läuse und Seuchen aus. Meine Großmutter hat den Thypus überlebt, andere in Hinterpommern hatten nicht so viel Glück. Die ärztliche Versorgung war völlig zusammengebrochen. Was macht so eine Erfahrung mit den Kindern?

Die Erholung nach der Krankheit gab meiner Großmutter die Gelegenheit nach ihren Eltern und der jüngsten Schwester Mechthild zu suchen, die 9jährige Rita nahm sie auf der Suche mit. Von Tychow nach Großmöllen sind es über 60 Kilometer, die Familie fand sie dann weiter im Inland. Danach mussten die zwei noch den Rückweg antreten – nur einen Teil der Strecke konnten sie bei russischen Soldaten mitfahren. Eine grandiose körperliche Leistung, ich wäre nach meiner Gallenoperation im Mai nicht dazu in der Lage gewesen.

Im Herbst 1945 zeichnete sich ab, dass die Gebiete östlich der Oder an die Polen fallen würden. Deutsche konnten die Gebiete damals nicht freiwillig verlassen, weil ihre Arbeitskraft noch benötigt wurde. Weil abzusehen war, dass es auf absehbare Zeit keinen Schulunterricht geben würde und die Dorfbewohner prophezeiten, dass mein damals 5jähriger Onkel den Winter in Hinterpommern nicht überleben würde, beschloss meine Großmutter sich illegal eine Ausreisegenehmigung in der Stadt Schlawe zu besorgen.

Obwohl es im Interesse der Polen lag, dass möglichst viele Deutsche freiwillig das Land verließen, war die Regierung nicht Willens oder in der Lage die Flüchtlingszüge zu schützen. Plünderungen waren an der Tagesordnung. Fast wäre noch die zweijährige Schwester aus dem Zug geworfen worden, weil sie wie ein Pelzbündel aussah. Im Sammellager bei Stettin wurde Rita noch das Familienalbum unter dem Kopf weg gestohlen – bis heute frage ich mich, was der Dieb damit wollte. Die Familie hatte Glück, dass sie nur eine Nacht im Lager bleiben musste und nach Berlin weiter fahren durfte.

In Berlin wohnten Schwestern meines Großvaters, das war aber kein Grund um eine Zuzugsgenehmigung oder – noch viel wichtiger – Lebensmittelkarten zu erhalten. So stand meine Großmutter vor der Entscheidung, entweder zu ihrer Schwägerin nach Bad Hersfeld zu gehen – mit der Verpflichtung auf alle Sozialleistungen zu verzichten – oder nach Mecklenburg. Da sie von den Russen genug hatte, entschied sie sich für ersteres. Den fünfjährigen Sohn musste sie in Berlin im Krankenhaus lassen. In Berlin bleiben durfte die Familie nicht bis zur Genesung des Jungen. Versorgt wurde er von einem ihm unbekannten Cousin, der als Medizinstudent am Krankenhaus arbeitete. Was macht das mit den Kindern?

Die beiden Hersfelder Jahre hat meine Mutter als glückliche Zeit in Erinnerung behalten. Das Geld war zwar knapp, aber die beiden Schwägerinnen kamen gut miteinander aus, über die Cousins und Cousinen konnten rasch Kontakte zu anderen Kindern geknüpft werden. Die Familie hatte noch nicht den Flüchtlingsstatus wie in den Celler Jahren. Der Vater fehlte zwar, aber die Familie wusste, dass er den Krieg in amerikanischer Kriegsgefangenschaft überlebt hatte.

Aufgrund seiner politischen Vergangenheit konnte mein Großvater in der amerikanischen Besatzungszone nicht als Lehrer tätig werden. Die Briten forschten da nicht so genau nach. Er bekam schließlich in Celle eine Stelle als Hauptschullehrer. Dort wohnte die Familie zunächst mit 6 Personen in zwei kleinen Räumen. Nicht nur die beengten Verhältnisse führten zu viel Streit unter den Eheleuten. Es fiel meiner Großmutter schwer, sich nach den Kriegsjahren wieder in das alte, traditionelle Rollenbild zu fügen. Meine Mutter als Älteste solidarisierte sich mit der Mutter. Körperliche Züchtigung war damals in den Familien noch an der Tagesordnung. Ich glaube, meine Mutter war 16 als meine Großmutter zu ihrem Mann sagte, dass sie jetzt zu alt für Schläge sei.

Da meine Mutter eine begabte und sozial engagierte Schülerin war, wurde sie für das AFS Austauschprogramm 1952/53 ausgewählt. Damals eröffnete sich ihr eine völlig neue Welt. An der High-School hatte sie einen Geschichtslehrer, der ihr beibrachte, dass sich Texte vielfältig interpretieren lassen. Ihrer Gastfamilie blieb sie bis an ihr Lebensende verbunden. Lange Jahre waren die USA ihr Sehnsuchtsland. Die Tatsache, dass Republikaner und Demokraten nicht mehr miteinander reden, hat sie in den Jahren 2011 / 2012 schwer erschüttert. Darüber kühlten dann auch einige lebenslange Freundschaften ab.

Weil meine Mutter begabt war, durfte sie nach dem Abitur Studieren. In der Wahl ihrer Studienfächer war sie aber nicht frei, mein Großvater wollte, dass sie als Lehrerin ans Gymnasium gehen sollte. Das Studium finanzierte sie sich über Jobs, Darlehen und Stipendien – meiner Eltern mussten dieses Geld in den ersten Jahren ihrer Ehe zurückzahlen. Die Zeit in Göttingen war eine glückliche, nicht zuletzt, weil sie meinen Vater in der Studentengruppe kennenlernte. Von den gemeinsamen Abenteuern haben sie beide immer wieder gerne erzählt. Die Göttinger Zeit ging 1965 mit dem Doktortitel zu Ende. Weite Teile der Akten des Königsberger Archivs konnten vor dem Einmarsch der Russen in den Westen gebracht werden und lagerten zu der Zeit in Göttingen. Heute sind die Akten im Besitz der Stiftung preußischer Kulturbesitz in Berlin. Die Göttinger Historiker wollten vor der Überführung der Akten nach Berlin noch möglichst weite Teile auswerten, so dass meine Mutter die Chance bekam als Frau über eine Frau zu Promovieren. Das Thema der Dissertation lautete die Frau am preußischen Herzogshof. Ostpreußen war als Ordensland ein männlicher Staat, eine Frau bei Hofe als etwas revolutionär Neues. Gegenüber ihren Schülern legte sie später keinen Wert auf den Doktortitel, wohl aber gegenüber „Angebern“.

Die Hochzeit 1965 führte zu einer räumlichen Trennung meiner Eltern. Während mein Vater seinem Professor als Doktorand nach Erlangen folgte, absolvierte meine Mutter ihr Refendariat in Celle. Als niedersächsische Studentin musste sie ihr Referendariat in Niedersachsen absolvieren. Dort bewohnte sie einen Kellerraum im 1957 erbauten Hause ihrer Eltern.

Erst im April 1967 zog sie nach Erlangen, 9 Monate später wurde ich geboren. Bis Dezember 1967 arbeitete sie als Vertretungslehrerin an einem Gymnasium in Erlangen. Als dieser Vertrag aufgrund der Schwangerschaft nicht verlängert wurde, stand sie ohne finanzielle Absicherung da. Im Sommer 1968 wollte die Kultusbehörde sie wieder einstellen, aber da hatte sie sich schon entschlossen in den ersten Jahren ihrer Kinder zu Hause zu bleiben. Nach dem Umzug nach Tübingen folgte dann im November 1971 mein Bruder.

Die gewonnene Zeit nutzte sie für ehrenamtliche Tätigkeit und geschichtliche Forschung. Schon in Tübingen packte sie Pakete für Polen (mit den Johannitern) und befasste sich mit der Familiengeschichte. Das Buch über die Familie meiner Großmutter wurde wenige Stunden vor der Geburt meines Bruders fertig. Daneben erwachte ihr Interesse an der pommerschen Volkskunst. 1974 folgte dann die erste Reise in die Kinderheimat Pommern mit den Eltern und der kleinen Tochter. Das war erst seit 1971 für Bundesbürger möglich. Auf dieser Reise knüpfte sie die ersten Kontakte mit polnischen Wissenschaftlern. Das war noch vor ihrer Arbeit für den Pommernkonvent.

In Hersfeld hatte sie den engen Kontakt mit den Cousinen und Cousins genossen. Gleiches konnte sie in den Tübinger Jahren ihren eigenen Kindern bieten. Die jüngste Schwester Dagmar war mit ihrer wachsenden Familie nach Reutlingen gezogen. Beide Orte liegen nur 10 Minuten mit dem Zug auseinander – die Entfernungen in Berlin sind da größer. Die Schwestern besuchten gemeinsam einen Nähkurs und verpassten den Kindern gleichfarbige Kittel, Geburtstage und andere Feiertage wurden gemeinsam verbracht. Weihnachten wurde in Tübingen gefeiert, Silvester in Reutlingen.

1975 war abzusehen, dass der Vertrag ihres Mannes an der Uni nicht langfristig verlängert werden würde. Also machten sich die beiden auf Stellensuche. Ein Angebot, bei dem meine Mutter als Hausmutter in einem edlen Internat, mein Vater als Lehrer hätte tätig werden können, zerschlug sich zum Glück. Im Januar 1976 (zu meinem Geburtstag) waren sie im Celler Raum auf Stellensuche. Bei dem einen Gymnasium in Hannover, bei dem sich meine Mutter vorstellte, brauchten sie einen Mathematiker und keine Englischlehrerin. Das machte gar nichts, denn den hatte sie ja auch im Angebot und schickte kurzerhand ihren Mann zum Vorstellungsgespräch. Sie selber fand ebenfalls zum 1. Februar eine Stelle an einer anderen Schule.

Aufgrund der Kürze der Zeit – die einen Umzug unmöglich machte – zog die Familie bei den Celler Großeltern ein. Die Eltern pendelten jeden Tag von Celle nach Hannover, später nahm sich meine Mutter ein Zimmer in Hannover. Die Kinder gingen in Celle in den Kindergarten und zur Grundschule. Auch wenn körperliche Gewalt kein Thema mehr war, waren die Erziehungsgrundsätze der Großeltern in den vierziger Jahren stehen geblieben. Diese Umstellung war für alle Beteiligten schwer.

Im Herbst bewilligte die Bezirksregierung die Umzugskosten, so dass die Familie zu Beginn des Jahres 1977 in Hannover wieder vereinigt wurde. Nach zwei Jahren am Gymnasium wechselte meine Mutter an die neu geschaffenen Orientierungsstufe, weil man ihr dort eine Beamtenstelle zusicherte. Dort musste sie neben Englisch und Geschichte auch zahlreiche andere Fächer unterrichten: Deutsch, Biologie, Erdkunde, Religion, Werte und Normen. War sie anfangs noch unsicher, und testete die Klassenarbeiten an ihrer gleichaltrigen Tochter aus, begeisterte sie sich zusehends für die Altersstufe der 10 – 12 jährigen und blieb freiwillig bis zu ihrer Pensionierung 1998 an dieser Schulstufe. Es gefiel ihr immer sehr, wie sich die Kinder in diesen beiden Jahren weiterentwickelten und zusehends Eigenverantwortung für sich übernahmen.

Weihnachten 1980/81 verbrachte sie mit ihrer Tochter Mechthild in Köslin. Es waren die einzigen Tage, in denen in Polen in diesem Jahr nicht gestreikt wurde: die Solidarnosc war entstanden. Als die Familie im Sommer 1982 wieder nach Polen fuhr, herrschte das Kriegsrecht und es gab Lebensmittelmarken. Durch vorausgeschickte Pakete und regen Tauschhandel kam die Familie gut durch den Sommer im Privatquartier. Tochter Mechthild rationierte Wurst und Süßigkeiten so gut, dass am Ende noch etwas übrig blieb.

Obwohl meine Mutter im Herbst 1981 als Schriftführerin in den Pommernkonvent gewählt worden war, verbrachte sie in dieser Zeit noch viel Zeit im Kösliner Archiv, wie schon 1977 und 1979. Ganz allmählich intensivierte sie den Kontakt zum Stolper Pastor und fing an, auch Gottesdienste in anderen Orten zu besuchen.

Zu Beginn der 90ziger Jahre war dann aus der ehrenamtliche Pommernarbeit ein Nebenjob geworden. Meine Mutter verbrachte jeden Sommer 5 Wochen in Hinterpommern. Die Tage waren lang, oft waren sie und ihre Begleitpersonen 12 Stunden unterwegs, freie Tage waren selten. Neben Seniorenrunden und bis zu 3 Gottesdiensten am Sonntag, standen auch viele Hausbesuche auf dem Programm. Dabei bekamen wir erschütternde Schicksale zu sehen. Mit der Zeit verloren wir viel von unserer Naivität: Deutsche sind nicht an sich vertrauenswürdig und gut, Polen verlassen hätten alle gekonnt. (Bei den in Polen verbliebenen Deutschen handelte es sich in der Regel um Menschen mit niedrigem sozialen Status, die hier Harz4 beziehen würden. Dass dort verstärkt soziale Probleme auftraten, war zu erwarten).

Diese zunehmende ehrenamtliche Tätigkeit hatte zur Folge, dass meine Mutter bewusst auf eine Rückkehr ans Gymnasium und eine mögliche Beförderung verzichtete. Die Kinder entwickelten sich im Großen und Ganzen prächtig, beide legten ohne Ehrenrunde ihr Abitur ab und absolvierten vor dem Studium eine Banklehre. Die Tochter studierte Wirtschaftswissenschaften in Göttingen, der Sohn zog mit seinem Sozialwissenschaftlichen Studium nach einem Jahr weiter Berlin.

Bei der Beerdigung von Mutter / Großmutter Lilo im Mai 2000 sprach der Pastor von den wunderbaren Reisen, die sie mit ihrem Sohn gemacht hatte. Damals schwor sich die Enkelin, dass der Pastor dies einst auch von ihrer Mutter sagen sollte. Sofort planten die beiden eine Reise nach Israel, die dann einer Intifada zu Opfer fiel, aber 15 andere Reisen folgten, über die viel zu Schreiben wäre. So waren wir am 11. September 2001 in Australien, zwei Tage später folgte der Rückflug nach Deutschland. 2003 flogen wir trotz Sars nach Kanada:

2000 Malta

2001 Australien

2002 Australien / Neuseeland

2003 Kanada

2005 Australien

2006 Australien

2007 Cornwall

2008 Australien

2009 Mittelmeer (Kreuzfahrt)

2010 Kanada / USA (Kreuzfahrt)

2011 USA (Spuren des AFS)

2012 Kanada / USA (Kreuzfahrt)

2013 Wikinger Kreuzfahrt

2014 Mittelmeer (Kreuzfahrt)

2015 Ostsee (Kreuzfahrt)

Bei den Reisen ab 2013 war der Enkel Jona mit von der Partie. Im ersten Jahr hatte er noch Probleme Terroristen und Touristen auseinander zu halten. Sehr rasch entwickelte er sich aber zu einem angenehmen Mitreisenden.

Enkel Jona war das Überraschungsgeschenk im Leben meiner Mutter. Zu der Zeit rechnete sie nicht mehr mit Enkelkindern. Um der Nachwelt etwas zu hinterlassen, sammelte sie zu ihrem 70. Geburtstag Geld für ein Kirchenfenster ihrer Taufkirche in Großmöllen. Eine Ur-Ahnin hatte einst ein Weihnachtsfenster, die Nachfahren stifteten nun das Pfingstbild. So schließt sich ein Kreis. Im November 2008 waren wir in Broome, das für seine Perlen berühmt ist, zu Gast. Dort wollte ein tüchtiger Verkäufer meiner Mutter eine Perlenkette andrehen, die noch ihre Enkelin tragen könne. Meine Mutter lehnte mangels Nachwuchs ab, doch damit hatte sie das Schicksal herausgefordert.In den Jahren bis 2016 gelang es ihr, die Zeit zwischen Enkel und Ehrenamt gerecht aufzuteilen.

Den 75. Geburtstag feierten wir 2011 zu Pfingsten auf Hiddensee mit der Berliner Verwandtschaft nach. Damit ging ein Kindheitstraum meiner Mutter in Erfüllung. Weihnachten 2012 in einem Kurhotel in Großmöllen war um einiges luxeriöser als 1980 in einer Privatwohnung in kommunistischer Zeit.

Im Jahr vor dem Schlaganfall ließen wir es noch einmal richtig krachen: mit einer Ostseekreuzfahrt zur Goldenen Hochzeit in einer Suite mit dem Hochzeitspaar, Tochter und Enkel. Daneben wurde der 80. Geburtstag in Warnemünde groß gefeiert. Diesen Ort hatten wir auf der Kreuzfahrt für uns entdeckt. Von Hotelfenster aus konnte man die Ostsee sehen, leider konnten wir den Plan nicht realisieren meine Mutter mit dem Rollstuhl in das Hotel zu bringen.

So haben wir die Zeit vor dem Schlaganfall gut genutzt, so dass keine offenen Pläne mehr ausstanden, außer vielleicht einer Reise nach Israel.

Wenn ich mir heute die wenigen Bilder meiner Mutter der letzten 4 Jahre anschaue, denke ich, dass ihr irgendwann zwischen Ostern und Juli das Leben zu schwer wurde. Die letzten 18 Monate hat sie zwar meistens geschlafen, lag aber friedlich und entspannt in ihrem Bett. In den Jahren davor nahm sie noch regen Anteil am Leben und freute sich über Besuch.

Zeit ihres Lebens hielt sich meine Mutter bei den Ortsbezeichnungen an die Regeln des Auswärtigen Amtes: in deutschen Texten deutsche Ortsnamen, in Texten anderer Sprachen die dort gebräuchlichen Namen. Wenn ich von einem Besuch in Polen spreche, muss jedem klar sein, dass der Ort auch einen polnischen Namen hat.

Mechthild Scheller

Gemeinschaft evangelischer Pommern. e. V.

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