Weihnachten 1991

Weihnachten 1991 in Hinterpommern

Die folgenden beiden Weihnachtszgeschichten spielen im Hinterpommern des Jahres 1991 und sind der Heimatkirche Februar 1992 entnommen. Wir erinnern uns, dass die deutsche Einheit damals gerade ein Jahr zurücklag. Die Menschen im gesamten Ostblock erlebten damals einen Umbruchprozeß, der zu Ängsten und Ungewissheit führte. Ganz besonders in Hinterpommern, wo die großen Staatsgüter nach 1990 – innerhalb weniger als eines Jahres – pleite gingen. Die Rente der Großmutter musste damals für den Unterhalt der ganzen Familie sorgen, weil die Arbeitslosigkeit so hoch war.

Heiligabend in Stolp 1991

Wieder ist ein Jahr vergangen, ein langes Jahr der Ungewissheit, ein Jahr voller Not und Sorgen um das tägliche Brot und Fragen: wie wird die Zukunft sein? Aber trotz aller Sorgen, die uns jetzt so belasten, ist unsere kleine deutsche Kirche jetzt hell erleuchtet, in voller Pracht steht der Weihnachstsbaum da, und jeder fühlt mit einem Male eine Freude in seinem Herzen, es weihnachtet, der Hoffnungsstrahl erleuchtet unsere Gesichter, auf denen Spannung zu sehen ist. Warum?

Ja, heute hält unser neuer Pastor, den wir alle bereits in unser Herz geschlossen haben, seine erste Heiligabend-Andacht. Tiefe Stille umgibt uns, und schon ertönt das Orgelspiel „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit.“ Wie wunderbar, wie herzergreifend diese Stunde. Alle hatten Tränen in den Augen, als unser Pastor auf der Kanzel stand und uns lächelnd erzählte, heute sei er nicht mit leeren Händen da, ein großes Paket möchte er unter uns allen verteilen. Die Augen suchen, nirgends ist etwas zu sehen, Wo ist das Geschenk für uns? Was ist in den Paket drin?

Nun, wir erfahren es bald, was für Geschenke es sind, es sollten neun sein – nur war ich so aufgeregt und hingerissen vom Sinn dieser Predigt, dass ich nicht mehr alle aufzählen kann: Hoffnung, Vertrauen, Glaube, Liebe, Trreue und Trost waren jedenfalls dabei. All das, was wir im täglichen Leben so notwendig brauchen, lag vor uns ausgebreitet, die Gottesgeschenke. Weiterhin wurden wir in dieser Nacht zu den Hirten auf die Felder geführt, erlebten das Wunder, das in dieser Nacht geschah, als wären ir Zeugen dieses Geschehens. So wunderbar verstand es unser junger Pastor, der hier sein erstes Pfarramt in Stolp in unserer Gemeinde erst vor kurzem übernommen hatte, uns alles klar im Predigttext nahezubringen. Viel zu schnell endete die Predigt, aber es war draußen dunkel und schon spät, viele Gemeindeglieder waren vom Lande gekommen, hatten den weiten Weg nicht gescheut. Es gab keine Weihnachtspakete, aber das, was unser Pastor in dieser Stunde geschenkt hatte, hat mehr Wert als alle Zeit.

Mit dem uns noch von Kindheit an bekannten Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht“ endete der Gottesdienst. Am Ausgang unserer Kirche stand unser Pastor an der einen Seite, an der anderen Seite seine junge Frau, und jeder bekam ein Stück von der Oblate (ein Heiligabendsymbol aus seiner Heimat) und herzliche Weihnachts- und Neujahreswünsche mit auf den Weg. Wir traten ins Freie, in die Dunkelheit, überall leuchteteten die Weihnachtsbäume hinter den Fenstern der Wohnhäuser. Zufrieden und glücklich kamen wir zu Hause an. Es war bestimmt für uns alle ein unvergeßlicher Heiligabend 1991.

Christa Kasimierczuk

Anmerkung der Redaktion: Ab 1991 lud der Pommernkonvent regelmäßig Gäste aus Hinterpommern zu seinen Tagungen ein. Einen Nachmittag gestalteten die Gäste mit Berichten aus ihrem Leben, so entstand auch dieser Bericht von Christa K. Auch wenn manche Frauen vor ihrem Vortrag zitterten, so fuhr doch jede Einzelne mit gestärktem Selbstbewustsein nach Hause zurück.

Predigen konnte der junge Pastor wirklich, nach einigen Jahren in Deutschland war er auch perfekt in der Sprache. Allerdings war ich in den Semesterferien jener Jahre jeweils für fünf Wochen in den hinterpommerschen Gemeinden. Da wiederholte sich dann so mache Predigt, obwohl ich nur einen Gottesdienst pro Sonntag besuchte. Auch die Predigten an die Heimatvertriebenen glichen sich in vielen Jahren.

Eine weihnachtliche Reise nach Pommern

Es gibt in der Bundesrepublick viele Ideen, Weihnachten „alternativ“ zu feiern. Hinter der Absicht, mit den deutschen evangelsichen Gemeinden in Hinterpommern Weihnachten zu feiern, standen andere Gedanken. Pakete werden gerade zu Weihnachtsfest seit ca 10 Jahren viele nach Hinterpommen geschickt, auch ich schickte mit meinen Helferinnen in Rosbach v.d. H. zum letzten Fest fast 100 Stück in die alte Heimat. Aber zur Gemeinsamkeit im christliche Glauben gehört noch mehr Verbundenheit. Weihnachten mit unseren Schwestern und Brüdern in Pommern gemeinsam zu beten, zu singen und Gespräche zu führen, war mein Wunsch. So hieß es zum vergangenen Fest: kein Rückzug in die Familie, sondern mit der Familie nach Hinterpommern.

Der pommersche Winter hat uns freundlich empfangen: Insgesamt mild, aber auch zweimal Schnee, wie es sich gehört. Die erste Station war Groß-Volz bei Rummelsburg. Am 4. Advent feierten wir den Gottesdienst mit der dortigen Gemeinde. Der Atem des neuen jungen Pfarrers Sikora erwärmte sichtbar de eisige Luft in der trutzigen Feldsteinkirche. Am Ende des Gottesdienstes waren auch die Füße eiskalt. Trotz Vorbereitungsarbeit so kurz vor dem Fest fanden sich doch etliche zum Gespräche bereit und freuten sich über unseren Besuch.. Etwas gemächlicher als in einer westdeutschen Kleinstadt sah es in Rummelsburg kurz vor den Feiertagen schon aus.

Der Gottesdienst am Heiligabend in Stolp bot auch ein ungewohntes Bild: die Kirche nur locker gefüllt, kein dröhnender Gesang, Frauen mit selbstgestrickten Mützen und dem eigenen Gesangbuch, statt der bei uns üblichen kopierten Liedersammlung. Der künstliche Weihnachtsbaum mit elektrischer Lichterkette, ein Ausdruck amerikanisch-polnischer Neuzeit. Aber man spürte die Freude beim Singen der alten deutschen Weihnachtslieder, alle traditionellen wurden gesunden. Die gut verständliche Predigt von Pfarrer Sikora sollte geistige Geschenke für eine ungewisse Zukunft mitgeben. Ein anderes weihnachtliches Erlebnis in Giesebitz am Lebasee: „Elfriede“ lud die Frauen und Männer der Glowitzer Gemeinde in ihr Haus zum Kaffetrinken ein. Für uns gehört solch ein Treffen schon zur Pommernreise, wie für manch andere Konventsmitglieder auch. Aber an den Weihnachtstagen ist es doch anders. Ein sonniger Wintertag, der Lebasee hinter den kahlen Bäumen gut sichtbar.

Wir lauschen einer Weihnachtsgeschichte von Rita von Gaudecker, singen und beten zusammen und tauschen Neuigkeiten aus. Wir rücken dicht zusammen und tausche Neuigkeiten aus. Das Licht wird erst angemacht, wenn man wirklcih nichts mehr sieht. So dringt der dunkle Winter in die Stube. Die verschiedenen Begegnungen in Pommern ließen uns das Geburtsfest unseres gemeinsamen Herren im letzten Jahr zu einen ganz besonderen Fest werden. Besonders schön war es, dass man jetzt nach der großen politischen Wende sagen konnte: „Auf Wiedersehen in Minden bei der Jahrestagung des Konvents. Dann sollen Sie unser Gast sein.“ Trotz vorgeschrittenen Alters und angegriffener Gesundheit nehmen doch einige Kirchenälteste die lange Fahrt nach Westfalen gerne auf sich.

Ingrid Saenger (verstorben 2014, langjährige Vorsitzende des Pommernkonvents)

Anmerkung: In den 1980ziger Jahren herrschte in Polen eine große Versorgungskrise. Butter und Fleisch gab es damals nur auf Lebensmittelmarken, Kaffee war ein unerschwingliches Luxusgut. Die vielen Pakete, die Menschen aus ganz Westdeutschland nach Polen schickten, haben sicher mehr zur Versönung zwischen beiden Völkern beigetragen als viele Sonntagsreden der Politiker. Bald nach diesem Bericht eröffneten auch in Polen die großen Supermarktketten, so das es günstiger wurde, Geld statt Pakete zu verteilen (die Portokosten konnten so gespart werden).

Gemeinschaft evangelischer Pommern. e. V.

%d Bloggern gefällt das: