Pfingsten auf Hiddensee 2010

Pfingsten auf Hiddensee

Ostersonntag in der Kreuzkirche in Stolp/Hinterpommern, Sonntag Exaudi in der Versöhnungskirche im Pommernzentrum, Pfingsten in Kloster auf Hidden­see in Vorpommern – wenn das nicht eine Reise durch unser pommersches Erbe ist! Und bei allen drei Gottesdiensten blickten wir auf ein Votivschiff, zwei stammen von Pastor Gerhard Dallmann (vgl. Heimatkirche Mai), das in Klosters aus dem Jahre 1993 von Helmut Koy, einem Leipziger Modellbauer. Die Kirche in Klosters ist für mich ein Prototyp pommerscher Dorfkirchen, selbst wenn sie weiß verkalkt ist und nicht aus sichtbaren roten Ziegelsteinen, mit dem Schiffsmodell, dem Taufengel von zirka 1750 (nach alter Tradition werden alle Täuflinge mit frischem Ostseewasser getauft) und dem Kanzelaltar von 1782. Die Verbindung von Altar und Kanzel symbolisiert nach den Lehren der Refor­mation die Gleichwertigkeit von Predigt und Abendmahl.

Allerdings predigte der noch junge Pastor Glöckner vom Lesepult aus. Um die gleiche Zeit zu Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Flachdecke durch eine hölzerne Tonnendecke ersetzt, die dann um 1922 ohne Schablone von dem Dichter und Maler Nikolaus Niemeier mit blauem Himmel und Rosen ausgemalt wurden. Neben Sanddorn und Ginster prägen die Heckenrosen die Landschaft auf Hiddensee. Kaum zu glauben, 1943, mitten im zweiten Weltkrieg, wurde die Orgel von der Potsdamer Firma Schuke eingebaut. Die weiß-blaue Farbgebung – so typisch pommersch – stammt aus der Nachkriegszeit nach Entwürfen der TU Dresden. Das Wikingerschiff rechts vom Altar stammt von der Pastorenfa­milie Rosenow und soll an den angeschwemmten Goldschmuck aus dem 19. Jahrhundert erinnern. Pastor Rosenow hatte von 1973-86 in Klosters amtiert und wurde von Pastor Manfred Domrös 1986-2008) abgelöst.

Jetzt zu Pfingsten stand vor dem Lesepult ein großer Strauß Birkenreiser im fri­schen Grün – auch das eine alte pommersche Sitte. Der Frühling beginnt auf Hiddensee wesentlich später als auf dem Festland: In Hannover waren Flieder und Kastanien schon am Verblühen, in Stralsund kurz vor der vollen Blüte und auf Hiddensee noch sehr knospig. Im angeblich sonnenreichsten Fleck Deutschlands erlebten wir Regen and ganz dichten Küstennebel, fanden aber trotzdem vom Nachbarort Vitte aus den Weg zur Kirche, wenn ich auch geste­hen muss, das ich nicht mehr ganz so flott marschiere wie ehedem und die Glocken schon aufgehört hatten zu läuten – deswegen mussten wir vor der Tür warten, bis das erste Lied erklang. Die Kirche war gerappelt voll wie in Hannover, wenn die Bischöfin Käßmann am Heiligen Abend predigte: Väter hatten nicht nur ein Kind auf dem Schoß, sondern gleich zwei, alle hölzernen Treppenstufen besetzt, so daß wir uns nur noch auf die Steinstufen setzten konnten. Leerer wurde es erst, als gut zwei Dutzend kleinere Kinder zum Kin­dergottesdienst in ein Nachbarhaus zogen. Offensichtlich fand gerade eine Familienfreizeit in Klosters statt, denn so viele einheimische Kinder gibt es dort wohl nicht. Die Kirche soll immer gut besucht sein, wie uns unser Wirt erzählte. Jetzt in der Saison wird der Pastor durch eine Kurpredigerin unterstützt. Die Gemeinde lädt von August bis Oktober zu wechselnden Ausstellungen, Lesun­gen und Vorträgen.

Die PZ gab es zwar nicht am Kiosk wie die Kirchenzeitung für Mecklenburg-Vorpommern, doch immerhin sprach mich eine Touristin aus der westlichen Lübecker Bucht an: „Sie sind doch diejenige, die öfter für die PZ schreibt!“Hid­densee so ganz ohne Autos mag nicht jedermanns Geschmack sein: Es ist eine Insel der Radfahrer mit ein paar Fußgängern untermischt. Ein wenig mit der Zeit ist man jedoch auch dort gegangen: In jedem der drei Dörfer gibt es ein Lebensmittelgeschäft, in Vitte sogar einen großen Edeka-Laden. Bermerken­swert sind neben den Souvenirgeschäften die kleinen Buchhandlungen mit dem Angebotsschwerpunkt rings um den Ostseeraum: Historisches – auch von Pastor Gerhard Dallmann – , Biographien, Liebesromane, Krimis; Kinderbücher. Um von stimmungsvollen Sonnenuntergängen berichten zu können, müssen wir allerdings im nächsten Jahr noch einmal dorthin fahren! Aber sagen Sie es nicht weiter, wie schön es auf Hiddensee ist, denn die Insel ist ziemlich ausge­bucht!

Rita Scheller

Gemeinschaft evangelischer Pommern. e. V.

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