Pommersche Ostern zwischen Freud und Leid 2010

Pommersche Ostern zwischen Freud und Leid

Meine Mutter, Frau Nolte – unsere große Stütze, nicht nur beim Singen – und ich fuhren kurz nach Frau Saenger (vgl. Heimatkirche April) nach Pommern, wärmer war es aber immer noch nicht so recht. Gleich auf dem Stettiner Bahnhof wurden wir von Trauersendungen empfangen, denn es war der fünfte Todestag des hochverehrten Papstes Johannes Paul II. Wie der evangelische Pastor in Stolp meinte, überwucherte dies die eigentliche Bedeutung des Karfreitags. Meine ersten fünf Hausbesuche am Ostersamstag machte ich allein mit der Stolper Gemeindeältesten Irma Rusakiewicz, die Leute meinten, sie macht es eigentlich schon genauso gut wie meine Mutter. Das freute mich sehr. Der 6. Besuch auf unserer Liste war bei meiner Mutter, die im Bett geblieben war, weil sie sich eine starke Magen-Darm-Infektion eingefangen hatte.

Wie nötig unsere Besuche sind, möchte ich an einem Beispiel schildern: Eine der Frauen saß auf gepackten Bündeln in ihrer Wohnung. Sie erklärte: „Ich halte es in Slupsk nicht mehr aus. Gleich kommt mein Sohn und bringt mich zu meiner Tante Minna nach Stolp. Da habe ich mich immer wohlgefühlt und kann endlich entspannen und mich von Slupsk erholen!“ Sie hatte wirklich eine Tante Minna in Stolp gehabt, die aber schon seit Jahrzehnten verstorben ist. In Gedanken lebt sie in ihrer Kindheit und möchte die Gegenwart verdrängen. Die wenigsten haben noch Freude am Lesen; doch viele sind eifrig am Handarbeiten: Eine Frau häkelt Kücken, eine andere strickt eifrig Strümpfe, eine weitere häkelt Kissenbezüge, eine vierte häkelt Deckchen und neu im Programm ist das Knüpfen von mittelgroßen Teppichen.

Am Ostersonntag nahmen wir an einen fröhlichen Gottesdienst im kleiner gewordenen Kreis der deutschsprachigen Gemeinde in Stolp teil. Am Karfreitag beim Abendmahl waren es noch mehr Teilnehmer gewesen, daran merkt man, dass dies der wichtigste Tag im Kirchenjahr für uns Evangelische ist. Nach dem Gottesdienst verteilten kleine Mädchen an jeden Besucher eine Osterblume. Auch in Köslin gingen die Gottesdienstbesucher nicht leer aus, denn sie erhielten einen Schokoladenosterhasen nach dem Gottesdienst.

Nach dem Gottesdienst hatte uns die Tochter von Irma Rusakiewicz zum österlichen Schmaus eingeladen. Wie dort allgemein üblich, lief nebenher der Fernseher. Im Anschluss an einen Piratenfilm sahen wir das verregnete Rom und die Regenschirme der Pilger, wo der deutsche Papst den Segen „urbi und orbi“ spendete. Daran schloss sich ein tolles Gospelkonzert in einer großen Kirche an. Mir fiel gleich auf, dass in jener Kirche kein Beichtstuhl und kein Madonnenbild zu sehen war, dafür ein großes Jesusbild über dem Altar und eine gewaltige Orgel. Es musste also eine evangelische Kirche sein, von der aber niemand in der Tischrunde sagen konnte, wo sie stünde. Doch als aufmerksame Leserin der „Pommerschen Heimatkirche“ vom Februar 2010 merkte ich bald: Das konnte nur die Trinitatis-Kirche in Warschau sein, in der der neue evangelische Bischof Samiec am Epiphaniastag geweiht worden war. Bei dieser Sendung zeigte sich deutlich, welche Möglichkeiten und Grenzen es für die evangelische Kirche gibt, in die Öffentlichkeit zu wirken. Weder im Vor- noch im Nachspann wurde die „Trinitatis-Kirche“ erwähnt oder der Name des Chores „Die dritte Stunde des Tages“. Er gehört zu einer evangelischen Freikirche, die sich sehr um Jugendliche und um junge Eltern bemüht und die ihren polnischen Hauptsitz in Warschau hat. Dass sie ihr Ziel erreicht hat, sahen wir bei den Gottesdienstteilnehmern, wo selbst ich zu den „Oldies“ gehört hätte.

Wie zu erwarten, ist der pommersche Frühling etwa 14 Tage hinter dem Hannoverschen Frühling zurück. Am Ostersamstag erlebten wir einen einmalig schönen Sonnenuntergang auf einem Hügel am Rand der Stadt Stolp. Viel Sonne gab es in den zehn Tagen nicht, doch sie erfreute uns gerade, als wir am Strand in Großmöllen bei Köslin standen und vom Sommer träumten. Der Kösliner Buchwald hatte an vielen Stellen weiße Teppiche von Buschwindröschen. Die Osterglocken in den Ortschaften waren noch nicht erblüht, doch auf vielen Seitenstreifen bemerkten wir um so mehr Krokusse als Frühlingsgruß.

Beeindruckt waren wir von den vielen Rehen in Zweier- und Dreiergruppen, die wir immer wieder vom Zug oder dem Auto aus auf dem grünen Acker beobachten konnten, einmal sahen wir einen Fuchs auf dem gleichen Feld, der allerdings von Rehen fortlief. Da mochten wir nicht glauben, dass der letzte strenge Winter dem Rehwild stark zugesetzt haben soll. Dafür gab es weniger totgefahrene Tiere auf den Landstraßen als im Sommer. Überall an den Fernstraßen wurden den Bäumen die Zweige abgeholzt, die zur Straßenseite wuchsen, in den Straßengräben lag das gebündelte Kleinholz.

Nachösterliche Treffen hielten wir in Belgard bei Knops, in Köslin im Gemeindesaal, in Neustettin in der – dank zweier Gasöfen nicht ganz so – kalten Kapelle und in Schivelbein bei Edeltraud Kasperczak. Dazu hatte ich ein Heft mit einer Andacht von Pastor Haerter vorbereitet. Zu meiner Enttäuschung war keines der darin abgedruckten fröhlichen Kirchenlieder bekannt, obwohl ich sie zu Hause an meinem Vater getestet hatte. Bei einigem Nachdenken ist das jedoch verständlich, da es in den meisten Gemeinden Abendmahlsfeiern in der Karwoche gibt, aber selten einen Ostergottesdienst, weil dann gar keine öffentlichen Verkehrsmittel fahren. Deswegen sangen wir überall die österliche Fassung „O du fröhliche, o du selige gnadenbringende Osterzeit“, wie sie im pommerschen Gesangbuch von 1896 steht. Die Melodie war natürlich bekannt, so klappte es und später gingen wir zu weltlichen Frühlingsliedern über, die wir dort selten gesungen hatten, weil wir meistens im Sommer kamen. Doch fast alle sangen freudig mit, auch diejenigen, die nicht lesen oder deutsch sprechen konnten. Erst am Ende unserer Reise überraschte uns ausgerechnet die Schivelbeiner Gemeinde mit ihrer Sangeskunst. Unter der Leitung von Sigrid Nolte sangen sie alle das vorgeschlagene Kirchenlied „Wir wollen alle fröhlich sein in dieser österlichen Zeit“ (EG 100)

Trauergottesdienst mit pommerschen Akzenten

Eine Woche später hätte man eigentlich einen fröhlichen nachösterlichen Gottesdienst erwartet. Doch am Samstag war der polnische Präsident mit seinem Flugzeug bei Smolensk abgestürzt. Weil unser Taxifahrer lieber Rundfunk als unser deutsches Geschnatter hört, bekam er es zeitnah mit und erzählte uns mit Tränen in den Augen gleich davon. Natürlich war der Präsident Kaczynski bei vielen Polen sehr beliebt, aber die andere Hälfte hatte durchaus starke Vorbehalte gegen ihn und seinen Regierungsstil. Der Tod des Präsidenten und seiner Mitflieger berührte wohl auch deswegen jedermann, weil er als ein Nachschlag zur Tragödie von 1940 empfunden wurde, als die Russen 4000 polnische Offiziere bei Katyn ermorden ließen. Sofort sahen wir an allen privaten Gebäuden die polnische Fahne mit Trauerflor – wo konnte man so schnell so viele Schleifen besorgen? Ein paar Stunden später waren alle amtlichen Gebäude mit Halbmast beflaggt.

Die Geistlichen mussten ihre vorbereitete Predigt umschreiben. In der evangelischen Trinitatis-Kirche in Stettin hing das schwarze Karfreitags Antependium am Altar und verdeckte fast ganz das österliche weiße Antependium. Pastor Sikora verlas ein Statement seines Bischofs und wir sangen vor der Predigt das einst in Pommern bekannte Lied „Wo findet die Seele die Heimat, die Ruh … das im neuen polnischen Gesangbuch steht, aber nicht mehr im EG. Nach der Predigt sangen wir „So nimm denn meine Hände …“, das wir auch im EG finden und wir Gäste mitsamt dem deutschen Teil der Gemeinde kräftig in der Muttersprache mitsingen konnten. Nach der Kirche versammelten wir uns noch zum Kirchenkaffee im benachbarten Bonhoefferhaus. Doch um 12.00 Uhr erhoben wir uns zu zwei Schweigeminuten, die wir mit dem Vaterunser beendeten. Aus der Ferne vernahmen wir die Kirchenglocken aus der Stadt Stettin und den Ton der Nebelhörner von den Schiffen im Hafen. Für den Stettiner Pastor Sikora muß dieser Gottesdienst besonders schwierig gewesen sein, weil er sich doch erst seit Ostersamstag über die Geburt seiner Tochter Hanna freuten konnte.

Nachmittags hatten wir drei uns zu Brigitte Kipper eingeladen, die wir am Vortag nicht erreichen konnten, weil sie beim Pommerntreffen des BdV in Anklam gewesen war. Sie traf dort unter den über 600 Teilnehmern nicht nur viele Stolper von der Minderheit und unseren Pastor Haerter, sondern als Ehrengast auch Hartmut Saenger mit Frau, den Sprecher der Pommerschen Landsmannschaft (vgl. auch PZ vom 24. April) . B.Kipper war zum ersten Male dabei, aber ähnlich beeindruckt von der Atmosphäre dort – angefangen vom Gottesdienst über die Vorführungen der Volkstanzgruppen und dem gemeinsamen Singen bis zum überaus lebhaften Gedankenaustausch an den runden Tischen – wie meine Mutter und ich vor zwei Jahren. Manfred Schukat, der Anklamer Vorsitzende, warb für den Bus, den er zur Fahrt nach Travemünde zu den Pommerntagen bestellt hat.

Zum Schluß noch eine freudige Nachricht aus Stolp: Beim deutschen Gottesdienst am dritten Sonntag im April konnten Christa und Otto Rettke aus Reitz ihre Goldene Hochzeit mit der ganzen Gemeinde feiern. Unsere guten Wünsche begleiten das Jubelpaar.

Mechthild Scheller

Gemeinschaft evangelischer Pommern. e. V.

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