„DAMIT WIR KLUG WERDEN“ – Der Pommernkonvent auf dem Kirchentag in Stuttgart

DAMIT WIR KLUG WERDEN“ – Der Pommernkonvent auf dem Kirchentag in Stuttgart

Vom 3.-7. Juni 2015 fand in Stuttgart der 35. Deutsche Evangelische Kirchentag statt.

Das biblische Motto des Kirchentages ist die thematische Mitte der rund 2000 Veranstaltungen. Der vollständige Vers aus Psalm 90, 2 lautet: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“ – in seiner wörtlichen Übersetzung: „Lehre uns, unsere Tage zu zählen, damit wir ein weises Herz bekommen.“ Es geht also darum, die Begrenztheit des Lebens zu bedenken, um es überlegt zu gestalten. Klugheit meint hier weniger eine Frage des Intellekts als vielmehr die Hinwendung zu Gott, um aus der Nähe zu Ihm heraus das Dasein zu bedenken und danach zu handeln. Ein weises Herz handelt klug, wenn es nicht die Endlichkeit des Lebens verdrängt. Nicht das ICH sondern das WIR ist in dem Psalm gemeint – es geht um einen gemeinsamen Lernweg. Das bedeutet auch, dass keine Seite oder Konfession die Klugheit schon auf ihrer Seite hat. Selbstkritik ist gefordert, und nur gemeinsam können wir in diesem Sinne klug werden.

Zu verstehen und zu lernen – dafür bietet ein Kirchentag eine fast unüberschaubare Fülle von Möglichkeiten. Der Ort, an dem der Pommernkonvent immer seinen Stand hat, befindet sich auf dem „Markt der Möglichkeiten“ im NeckarPark. Etwa 800 Vereine, Verbände und ehrenamtliche Gruppen stellen sich dort vor. Hier kann man diskutieren, Erfahrungen sammeln und austauschen, Kontakte knüpfen und Verbindungen herstellen.

Der Konvent hatte seinen Stand in der Zelthalle 7 auf dem Cannstatter Wasen. Hier wie auch in den Zelthallen 4 und 5 ging es um den Themenbereich Gesellschaft und Bildung.

Außer dem Konvent gab es hier Gruppen wie die Heim-statt Tschernobyl, Amnesty International, den Förderverein Pro Asyl, Arbeit für Weltmission, Gruppen zu Problemen des Nahen Ostens, zu bürgerschaftlichem Engagement, Arbeitslosigkeit, Gewerkschaften, Senioren-Union, Weißer Ring, Kolpingwerk, Aktion Sühnezeichen usw.. Da ist es dann sehr interessant, wie sich der Konvent mit seiner Thematik hier behaupten kann, die unter der Überschrift steht: Von Flucht und Vertreibung zur Partnerschaft, mit dem Ziel, christliches Glaubensgut aus den im polnisch gewordenen deutschen Osten nicht mehr bestehenden Gemeinden lebendig zu halten und den dort verbliebenen Gemeindegliedern beizustehen und das Kulturerbe zu bewahren und weiterzugeben. Da passte es ganz gut, dass der gegenüber liegende Stand vom Deutsch-Polnischen Jugendwerk (DPJ) betreut wurde, wo ich ein Gespräch zum Thema Nachwuchsarbeit führte.

Abwechselnd vom 4.6.-6.6.2015 wirkten die Mitglieder der Hilfskomitees von Schlesien, der Slowakei, Bessarabien, Siebenbürgen, Posen, Pommern (Helmut Köhler mit seiner Frau Heike) und den Deutsch Balten gemäß ihrem Dienstplan mit. Das Schriftband über dem Stand weist hin auf den „Konvent der ehemaligen evangelischen Ostkirchen e.V.“ und führt auf einem weiteren, seitlich angebrachten Schriftband die Namen aller Gemeinschaften und Hilfskomitees auf, also auch der Ostpreußen, der ev.-luth. Deutschen aus Polen, der ev.-luth. kirchlichen Gemeinschaft aus Russland und der Galiziendeutschen im Diakonischen Werk der EKD.

Das Wirken dieser Gemeinschaften steht in Beziehung zu der großen Wandkarte, welche die Rückwand des Standes bildet.

Unsere Besucher waren zum Teil Kinder oder Enkel von Vertriebenen oder kamen auch nur vorbei, um Kenntnisse auszutauschen, die sie als Touristen aus diesen Herkunftsgebieten mitbrachten. Eine junge Frau las längere Zeit intensiv im Flyer des Pommernkonvents, und als ich sie ansprach, erzählte sie, dass Ihr Großvater in Stolp geboren war und dass sie eines Tages seine Geburtsstadt besuchen möchte.

Die ausgelegten Info-Mappen der Hilfskomitees mit Angaben zu Mitarbeitern, Zielen, Satzungen und mit Fotos und Illustrationen wurden gerne durchgesehen und die entsprechenden Flyer fanden ebenfalls viel Interesse und wurden zur eingehenderen Lektüre häufig mitgenommen. Das ausgelegte Buch von Andreas Kossert, „Kalte Heimat“ (Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945) fand viel Zuspruch. Polnische Besucher wollten wissen, ob es das Buch auch auf Polnisch gibt.

Als wesentlich erwies sich, Besucherinnen und Besuchern die Betreuungsaufgaben unserer Hilfskomitees eingehender zu erläutern. Dabei zeigten sich auch die Unterschiede zur Zielsetzung des Bundes der Vertriebenen (BdV), was hier und da erleichtert registriert wurde.

Manche Besucher glaubten auch, man könnte an unserem Stand Reiseinformationen für die entsprechenden Regionen erhalten.

Überwiegend waren es Leute zwischen 40 und 60 Jahren, welche diese Gegenden bereist hatten und sich darüber unterhalten wollten. Sie stellten landeskundliche Fragen und erörterten die Zweisprachigkeit von Ortsnamen.

Am benachbarten Sonderstand der Gemeinschaft evangelischer Ostpreußen (GeO) gab es in der Tat Informationen über die Region und über Fahrten dorthin. Der Vorsitzende, Propst i.R. Erhard Wolfram, war einige Jahre Propst in der Kaliningrader ev. Kirchengemeinde gewesen und organisiert immer noch Besuchsfahrten dorthin, die sich durch eine überdurchschnittliche Kenntnis der dortigen Bedingungen auszeichnen. – Es besteht gute Aussicht, dass die ev.-lutherische Propstei in Kaliningrad (Königsberg) einen neuen Propst bekommt, denn der 29-jährige Pastor Iwan aus Schivokow, der zwei Jahre lang Pastor in Jaroslawl (Russland) war und sich dort auch sehr um den Erhalt der dortigen lutherischen Kirche kümmerte, hielt kürzlich eine Predigt in Kaliningrad, die guten Anklang fand, und Erzbischof Brauer (Ev.-luth. Kirche in Russland) empfiehlt ihn.

Am Sonntag klang der Kirchentag mit dem Abschlussgottesdienst auf dem Cannstatter Wasen aus, mit fast 100.000 Besuchern, bei strahlendem Sonnenschein. Die Predigt hielt Pastorin Nora Steen (Hildesheim) über einen Text aus dem Buch der Könige. Salomo bittet um ein hörendes Herz: Frieden sei erst möglich, wenn jeder sicher und in Würde leben könne.

Es war wieder ein sehr politischer Kirchentag – aber wieder auch ein großes Fest des Glaubens mit Gottesdiensten, Bibelarbeiten und Konzerten. Große Themen waren Migration und Asyl: Lösung nicht durch Abschottung!, Kriegsverbrechen, Klimawandel, gleichgeschlechtliche Ehe (Kirchentagspräsident Andreas Barner: „Gegen Liebe können wir Christen uns nicht stellen!“). Es ging, nicht wie früher oft, um Empörung, sondern um ein Ringen zur Klärung drängender Fragen.

Spitzenpolitiker fanden wieder ein großes Forum.

Das Schlüsselwort „Klugheit“ ließ sich offenbar auch sehr gut auf entferntere Zusammenhänge anwenden, etwa als „Klugheit im Umgang mit Digitalisierung“. Kontroverse Gesprächsthemen führten weniger zu Lösungen – bedeutsamer dagegen war es, dass die Menschen sich gemeinsam im Glauben stärken und spüren konnten, dass sie nicht alleine sind in einer Welt großer Krisen.

Auch wenn die Diskussionen ohne Ergebnis geblieben seien, wie es in der Presse überwiegend hieß, und die Politikverdrossenheit groß sei, bliebe das Interesse an Politik und Politikern dennoch groß – ein gutes Zeichen angesichts des 500-jährigen Reformationsjubiläums in zwei Jahren.

Den Bürgerinnen und Bürgern von Stuttgart ist besonders zu danken für die Bereitwilligkeit, so zahlreich Privatquartiere für bis zu 10.000 Gäste zur Verfügung gestellt zu haben. Dadurch kann es auch immer wieder zu bereichernden Begegnungen und zuweilen langjährigen Freundschaften kommen!

Helmut Köhler (Münster)

Gemeinschaft evangelischer Pommern. e. V.

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