Pommern – Bonhoeffer – Musik

Ein unerwarteter Dreiklang: Pommern – Bonhoeffer – Musik

Vom 20. bis 22. Mai 2011 fanden die diesjährigen Bonhoeffertage in Stettin statt, das war am Sonntag “Kantate”, der in der evangelischen Kirche eine be­sondere Bedeutung als Singegottesdienst hat. Bereits in der ersten Juliwoche bekamen wir eine Broschüre über die Tagung mit 60 Seiten und vielen Farbfo­tos, in der alle Texte sowohl auf Polnisch als auch in ausgezeichnetem Deutsch publiziert wurden. So können wir über alles berichten. Auf jeder Kopfzeile se­hen wir ein kleines Foto vom Bonhoeffer-Studien- und Begegnungszentrum.

Die Zusammenarbeit zwischen den evangelischen Gemeinden in Stettin und in Hamburg begann kurz nach der Wende. 1995 wurde das Bonhoefferhaus ne­ben der evangelischen Kirche eröfffnet. Im Jahre 2000 wurde der Bonhoeffer-Verein gegründet, paritätisch besetzt mit je 10 Mitgliedern aus Stettin und Hamburg. Dank der Bemühungen des Vereins konnte 2004 das internationale “Dietrich Bonhoeffer Studien- und Begegnungszentrum” in der ul. Piotr Skargi 32 eröffnet werden. Manche der Pommernkonventsmitglieder konnten dort schon angenehm übernachten, 2010 fand dort die Begegnungstagung des Pommernkonvents statt.

Die Bonhoeffertage werden seit 2003 veranstaltet. Dabei geht es um interkul­turelle, internationale und interkonfessionelle Begegnungen. Im Jahre 2011 war die Musik ein überzeitliches und transkulturelles Thema. In der ersten Aben­dandacht meinte der Hamburger Pastor Ferdinand Ahuis: “Die Musik überwin­det nicht nur alle (sprachlichen) Grenzen, sondern sie verkündet auch die Herr­lichkeit Gottes und lädt uns ein, in diese Verkündigung einzustimmen.”

Während der Tagung wurde auch das Buch von Pn’ Dr. Reingard Wollmann-Braun aus Hamburg vorgestellt: Gemeinsam Gedenken wagen, St. Jakobi zu Stettin als Beispiel christlicher Erinnerungskultur” (Berlin, 2011). In ihrem Buch werden ausserdem die Kirchen in Lübeck, Kiel, Wismar, Stralsund und Königs­berg vorgestellt.

2011 fanden die Bonhoeffertage zeitgleich mit dem 8. Stettiner Musikfest vom 20. – 28. Mai statt. Die evangelische Gemeinde hatte sich von Anbeginn an am Musikfest beteiligt, diesmal besonders am 21. Mai mit dem Eröffnungskonzert in der ev. Dreifaltigkeitskirche, der früheren Gertrud-Kirche, deren Grundstein 1895 mit dem Liede “ O dass ich tausend Zungen hätte …” gelegt worden war. Jetzt kamen die Kantaten von Bach und Buxtehude zu Gehör.

Im einleitenden Vortrag lenkte der Stettiner Pastor S. Sikora die Aufmerksam­keit auf die Rolle der Musik in Bonhoeffers täglichem Leben. Bonhoeffer hatte in der Musik Inspiration, Zufriedenheit und Trost gefunden, durch die Musik konnte er sich mit anderen Menschen verständigen. In einem Brief an seinen Freund Eberhard Bethke vom 20.5.1944 meinte er: “Keine Tragödie kann ges­chehen, solange “cantus firmus” in unserem Leben klingt.” Er war der Überzeu­gung, dass für den einstimmigen Gemeindegesang am besten die Reformation­schoräle, die Lieder der Böhmischen Brüder und altkirchliche Texte geeignet seien. Eine besondere Rolle spielten Bachs Kantaten für ihn, die einst bei Familientreffen im Hause Bonhoeffer gespielt worden waren.

Zugleich war er aber auch offen für neue musikalische Formen wie die hinreis­senden Klänge der Negro Spirituals, die er in Amerika kennen gelernt und von denen er Schallplatten mitgebracht hatte. Die Musik war ein wichtiger Teil des gemeinsamen Lebens in seinen Seminaren. In Finkenwalde gab es zwei Kla­viere, eins davon Bonhoeffers Bechstein. Die Sonntagnachmittage waren dem Poesielesen und dem Musikhören gewidmet. Tägliches Musizieren war ein un­entbehrlicher Teil des gemeinsamen Lebens, weil man seine Gedanken durch Musik tiefer als durch gesprochene Worte ausdrücken kann.

Das Lied “Von guten Mächten wunderbar geborgen” ist einer von Bonhoeffers aktiven Beiträgen zu seiner grössten Leidenschaft, der Musik. “Möge dies Lied auch uns inneren Frieden und Trost bringen und die Verständigung mit an­deren Menschen ermöglichen,” schliesst Pastor Sikora seine Ausführungen.

Bereits am Samstag hatte ein oekumenisches deutsch-polnisches Morgenge­bet auf dem Boden des ehemaligen Predigerseminars in Finkenwalde stattge­funden. Die Teilnahme am damaligen Seminar hatte viel Mut erfordert, weil man damit auf eine Karriere in der etablierten Kirche verzichten musste. Bei Kriegsbeginn wurden die Seminaristen zur Wehrmacht eingezogen, die Mehrzahl von ihnen ist gefallen. Nur wenige überlebten – zumeist schwer ver­wundet – wie die Pastoren Siegfried Pompe und Wolfgang Marzahn (vgl. Heimat­kirche April und Juni 2011), die dann nach dem Kriege den Geist des Pommernkonvents nachhaltig prägten.

Die Idee zum Projekt in Finkenwalde hatte Pastor Piotr Gas, der schon als Stu­dent dem Pastor Marzahn begegnet war. Die Schüler der benachbarten Gar­tenfachschule in Finkenwalde haben sich an der praktischen Durchführung be­teiligt, finanzielle Unterstützung gab es durch die Partnerschaft mit der Nikolai-Kirche in Hamburg. Als erster wichtiger Schritt wurde jetzt ein grosser Findling (etwa ein Meter hoch und zwei Mater breit) auf einem Kiesbett mit der Inschrift: “Finkenwalde Seminarium 1935-37, ks. Dietrich Bonhoeffer” aufgestellt. Von dort schlängelt sich ein Weg zum Kreuz unter den beiden hohen Bäumen ent­lang. Das Kreuz steht auf einem Sandbett, eingefasst von faustgrossen Stei­nen.

Die gesamte Anlage mit solidem Zaun gegen die Wildschweine, elektrischen Leitungen, Bänken und Tafeln mit Texten von und über Bonhoeffer soll 50.000,- Euro kosten. 80% sind bereits angespart; für die Restfinanzierung läuft eine Sammlung. Zu dieser trug auch der Konvent der ehemaligen evangelischen Ostkirchen in der Landeskirche Hannovers trug sein Scherflein bei mit einer Kollekte beim Gottesdienst in der Passionszeit 2011, ausreichend für eine halbe Bank. Das wurde dankenswerter Weise von der Gemeinschaft der ev. Ostpreussen noch übertroffen, die genug Geld für eine ganze Bank spendete.

Mein Mann und ich hatten diese Stätte schon oft besucht und machten am 8. Juli 2011 Fotos. Die Fernzüge nach Posen und Danzig sausen wie zu Bonhoef­fers Zeiten am oberen Rand des ehemaligen Gutshofes vorbei. Auf der Rück­fahrt am 8. August konnten wir vom Zuge aus die beiden vertrauten Bäume und auch den Gedenkstein sehen, sonst hatte sich aber auf den ersten Blick noch nicht viel verändert. Möge Finkenwalde als Begegnungsstätte von Deutschen und Polen, von Jung und Alt, von Evangelischen und Katholiken bald vollendet werden und die Nachbarschaft dafür gewonnen werden können, dass der Bon­hoeffer-Garten auch Teil ihrer Geschichte ist und dass sie jetzt für ihn mitver­antwortlich sind!

Rita Scheller

Gemeinschaft evangelischer Pommern. e. V.

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